Den täglichen Lageberichten des Robert-Koch-Institutes kann man etwas entnehmen, das uns als Gesellschaft zutiefst beunruhigen und wachrütteln sollte: 

Schaut man sich die Zahlen von Mitte Januar 2021 an, so waren zu diesem Zeitpunkt etwa 51.000 Menschen an COVID-19 verstorben (Stand 25.01.2021). Zugleich findet man an anderer Stelle des Berichtes die Angabe, dass nur ca. 17.500 Menschen auf Intensivstationen verstarben.1Gesamtzahl der Verstorbenen gemäß Kennziffern, S. 1 des Lageberichts vom 24.01.2021. Zahl der Verstorbenen mit intensivmedizinischer Behandlung laut Tabelle 4, S. 8 ebd. Unweigerlich stellt sich daher die Frage: Unter welcher medizinischer Behandlungssituation sind die übrigen rund 30.000 Menschen gestorben?  Immerhin stellen sie rund ⅔ der an COVID-19 verstorbenen Menschen in Deutschland! Das bedeutet zugleich:  Zwei Drittel der Verstorbenen haben niemals die Chance auf lebensrettende COVID-Behandlung auf einer Intensivstation erhalten!

Bekanntermaßen sind die Intensivstationen seit vielen Wochen nahezu vollständig ausgelastet. Gleichwohl wurde bislang keine Triage-Situation einer Klinik gemeldet. In einem Fall, nämlich in Zittau, wurden entsprechende Meldungen umgehend dementiert. Umso mehr stellt sich die zwingende Frage, wie es dann sein kann, dass zwei Drittel der später verstorbenen Corona-Patienten nie auf eine Intensivstation eingeliefert wurden?

Die behindertenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktionen Bündnis90/Die Grünen, Corinna Rüffer, vermutet hier, dass eine versteckte Triage längst im Gange ist:

„Wir müssen befürchten, dass insbesondere erkrankte Hochbetagte in Pflegeheimen nicht die medizinische Versorgung bekommen, die sie eigentlich bräuchten“. 

Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND)2Corona: Grünen-Politikerin vermutet massenhaft versteckte Triage“ (abgerufen: 25.01.2021 um 13:12 Uhr)

Eine derart hohe Zahl Verstorbener ohne vorherige intensivmedizinische Behandlung ist nur dadurch zu erklären, dass gerade hochbetagte Menschen gar nicht mehr in Kliniken verbracht werden. Ohne den Versuch der Rettung ihres Lebens werden sie im Altersheim dem Tod überlassen. Und nicht nur im Altersheim:

„Erst kürzlich wurde auf einer von der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema Triage organisierten Online-Konferenz3Werkstattgespräch Triage vom 11.Dezember 2020 von Frau Dr. med. Maria del Pilar Andrino Garcia, Ärztin und Leiterin der Task Force Gesundheit der Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie, berichtet, dass auch in Einrichtungen für behinderte Menschen der Rettungsdienst die Mitnahme von Bewohner*innen bei COVID-19-Diagnose verweigert hat“, berichtet Nancy Poser, eine der Beschwerdeführerinnen im Triage-Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht.

In der Verfassungsbeschwerde geht es darum, den Gesetzgeber zur Regelung von Situationen der Ressourcenknappheit zu verpflichten, da die derzeit auf Empfehlung der DIVI angewendeten Leitlinien zum Umgang bei Ressourcenknappheit von vielen Institutionen und Verbänden für diskrimierend gehalten werden.4Siehe dazu Stellungnahmen der sachverständigen Dritten im Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht: Übersichtsseite. 

Die jetzt ans Licht kommende Praxis, Patienten gar nicht erst der Möglichkeit intensivmedizinischer Behandlung zuzuführen, obwohl noch nicht alle Ressourcen ausgelastet sind, sondern diese gleich ihrem Schicksal zu überlassen, geht jedoch sogar wesentlich weiter. „Meiner Meinung nach erfüllt diese Praxis, solange Kapazitäten vor Ort im Krankenhaus noch verfügbar sind und die betroffenen Patient*innen nicht ausdrücklich den Wunsch äußern, nicht ins Krankenhaus zu wollen, den Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung, wenn nicht gar der Tötung durch Unterlassen.“, erklärt Raul Krauthausen. Außerhalb des Krankenhauses sind medizinische Untersuchungen nur in völlig unzureichendem Maße möglich, es gibt kein interdisziplinäres Team, das Entscheidungen trifft und letztlich ist auch eine menschenwürdige, palliative Versorgung im Altenheim aufgrund der hohen Belastung der Pflegekräfte aber auch aufgrund fehlender medizinischer Möglichkeiten nicht möglich. 

Zwar muss bei der Betrachtung der Statistiken davon ausgegangen werden, dass es hochbetagte Menschen gibt, die eine intensivmedizinische Behandlung abgelehnt haben. Doch erklärt sich hierdurch nicht, dass die weit überwiegende Zahl der Todesopfer ohne intensivmedizinische Behandlung gestorben ist. Dies räumte auch Karl Lauterbach, SPD, kürzlich in einer Fernsehsendung unumwunden ein:

„Diese Leute [von den Pflegeeinrichtungen] kommen meistens schon gar nicht mehr in die Intensivstation, sondern die sterben in den Pflegeeinrichtungen […] Wenn wir, wie in der ersten Welle, die Menschen aus dem Pflegeeinrichtungen noch alle auf die Intensivstationen bringen würden, dann wären die Intensivstationen schon längst überlaufen.“

Maybrit Illner, Sendung vom 14.01.2021 ab Minute 26:52.
Ausschnitt aus der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“ vom 14.01.2021

Nur durch dieses prä-klinische Aussortieren ist es möglich behaupten zu können, es gäbe in Deutschland keine Triage. Dass die große Mehrheit der Patienten bereits nicht mehr intensivmedizinisch behandelt wird, ist dadurch nicht im Fokus der Gesellschaft. Und dennoch wird klar: Ja, wir wenden längst eine Triage an und ja, das Alter und der Ort der Unterbringung sind maßgebliche Faktoren.

Nicht nur, dass man diesen Menschen, die nach Aussage von Lauterbach aus Kapazitätsgründen nicht mehr ins Krankenhaus gebracht wurden, ihre Überlebenschance genommen hat. Man hat ihnen insbesondere auch die Chance zur optimalen palliativen Begleitung in einem Krankenhaus genommen. Ein Gefühl, als ertrinke man, sei es, wenn man an COVID-19 stirbt, sagen Ärzte. Ohne entsprechende medikamentöse Behandlung ist dies menschenunwürdig. Dies haben wir als Gesellschaft tausenden alten und behinderten Menschen zugemutet und tun es weiterhin. Um Platz frei zu halten, für junge und vermeintlich gesündere Menschen, deren Leben der Gesellschaft offenbar rettungswürdiger erscheint. Die Politik hingegen, insbesondere der Gesundheitsminister, verweigern weiterhin selbst eine sogenannte Orientierungsdebatte zur Triage.5ARD/ZDF-FUNK Sendung represent vom 15.01.2021 ab Minute 09:58 auf YouTube

Update 29.01.2021:
Zwischenzeitlich äußerte sich auch die Bundesjustizministerin, Christine Lambrecht, und der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz durch Eugen Brysch besorgt über die Anzeichen einer vorklinischen Triage:

Das Durchschnittsalter auf den Intensivstationen sei teilweise auf unter 60 Jahre gesunken, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Freitag). Zugleich liege der Anteil der über 70-Jährigen, die an COVID-19 gestorben seien, bei über 90 Prozent. „Dieser Widerspruch ist besorgniserregend“, sagte Brysch.

aerzteblatt.de vom 26.01.2021 (abgerufen am 29.01.2021)

Wir fordern daher erneut mit Nachdruck:

  • Es muss endlich ein rechtlicher Rahmen für die Auswahl und Anwendung von Kriterien während einer Triage-Situation geschaffen werden. Über die Rettungswürdigkeit von Menschenleben darf nicht länger im rechtsfreien Raum verfügt werden.
  • Merkmale wie Alter, Behinderung, Ort der Unterbringung und persönliche Lebenssituation dürfen weder unmittelbar noch mittelbar zur Verweigerung von medizinischer Versorgung führen. Eine diskriminierungsfreie Zuteilung der Ressourcen ist derzeit nicht gewährleistet.
  • Es muss offen kommuniziert werden, dass die intensivmedizinische Versorgung bereits jetzt nicht mehr für alle möglich ist. Dadurch, dass die Bevölkerung in dem Glauben gehalten wird, die medizinischen Kapazitäten seien noch nicht erschöpft, herrscht noch immer zu große Sorglosigkeit und Unvorsichtigkeit.

Bitte spenden Sie

An dieser Stelle möchten wir auf den weiterhin aktuellen Spendenaufruf zur Verfassungsbeschwerde Triage hinweisen. Wir setzen uns weiterhin für Lösungen ein, die nicht nur Einzelpersonen helfen, sondern systematisch allen Betroffenen zugutekommen. Die Kosten für die bisher erfolgreiche, aber dadurch auch länger währende Verfassungsbeschwerde können von uns alleine nicht getragen werden.

Für Spenden, allgemein oder mit Zweckbindung, bedanken wir uns im Voraus!